10 Tage Vipassana – Erfahrungsbericht

Ruhe bitte! Gebot der 'Noble Silence' im Vipassana Zentrum in Dehradun / Indien

Ruhe bitte! Gebot der ‚Noble Silence‘ im Vipassana Zentrum in Dehradun / Indien

Nach 10 Tagen Vipassana-Meditationskurs und ‚Klosterleben‘ bin ich wieder zurück in der realen Welt und zurück im wahren Leben in Indien… Hier möchte ich nun meine Erfahrungen mit euch teilen, nachdem euch Markus von seinen ganz persönlichen Erlebnissen berichtet hat.

Einen Vipassana-Kurs wollte Markus ja schon seit längerer Zeit machen. Ich hatte mich erst in den letzten Wochen damit beschäftigt, als mir ein Buch über Meditation & Yoga allgemein in die Hände fiel. Also entschloss ich mich dazu, ebenfalls am Vipassana-Kurs in Dehradun teilzunehmen. Ich war wirklich sehr gespannt, wie das alles ablaufen wird.

Am 0. Tag trafen sich alle Teilnehmer an einem Treffpunkt in der Stadt und wir fuhren gemeinsam raus zum Vipassana-Zentrum ins Grüne. So lernten wir also bereits unsere Mitstreiter kennen. Manche nahmen bereits zum 2. oder 3. Mal an einem 10-Tage-Kurs teil. Für andere sollte es auch das erste Mal sein. Die Stimmung war recht aufgeregt und alle schnatterten viel. Es war ein seltsames Gefühl: Ab 20 Uhr abends sollten wir dann das Gebot der „noble silence“ – der edlen Stille – befolgen. Das heißt: nicht sprechen, keine Körpersprache, kein Blickkontakt, keine Kommunikation, keine Schreib- und Lesematerialien. An einem Vipassana-Kurs teilzunehmen kann man vielleicht mit einem Aufenthalt im Schweigekloster vergleichen.

Was und Warum

Nachdem wir alle Anmeldeformularien geklärt hatten, unsere Wertsachen sowie Bücher und Schreibutensilien abgegeben hatten, ‚verabschiedeten‘ Markus und ich uns also für’s erste. Männer und Frauen hatten strickt getrennte Aufenthaltsbereiche. Eigentlich hatte ich mich auf den Kurs und insbesondere auf die Ruhe hier gefreut. 4 Monate hektisches Indien lagen mir in den Knochen: Verkehr, Lärm, und die tagtäglichen Herausfoderungen der interkulturellen Kommunikation und anderer Wertvorstellungen. Ich beobachtete mich selbst, wie sich mein Gemüt immer mehr dem annäherte, wie wir Indien und seine Menschen hier erlebten (oder zu erleben glaubten): zwischen Lethargie und 200 Puls. Ich ärgerte mich z.B. immer maßlos über den Umgang der Inder mit ihrem Müll: Die leere Plastikflasche wird im Zug einfach aus dem Fenster geworfen. Die Chipstüte achtlos auf die Straße geschmissen. Auch mit dem Wissen, dass es hier ein anderes Recycling-System (nämlich eigentlich gar keins) gibt und dass auch die Aufklärung über Umweltverschmutzung (anscheinend) noch nicht so weit ist. Wie auch immer – ich schweife ab. Fakt ist, ich fühlte mich relativ unausgeglichen mit all den negativen Gefühlen. Hinzu kam der Druck, den ich mir selbst während unserer Reise machte: Ich will soviel sehen. Und allein Indien ist so groß! Und wir haben doch nur ein Jahr (soweit)!! Und jetzt ist schon ein Drittel unserer Zeit weg!!! Und ich will euch auf unserem Blog doch noch soviel berichten!!!! Ok, also eine Entschleunigung schien bitter nötig…

Weckruf um 4:00 morgens

Der erste Tag, 4.00 ertönte der Gong. Danach das Bimmeln zur ersten Meditationseinheit um 4.30 Uhr. Verschlafen, in Wolldecken gehüllt, schlurften wir stumm zur Meditationshalle. Und da saßen wir nun, jeder auf seinem zugeteilten Meditationskissen. Markus war in Sichtweite und unsere Blicke trafen sich kurz: Guten Morgen! Während der folgenden 2 Stunden sollten wir uns auf unseren Atem konzentrieren. Ich atmete also, dämmerte zwischendurch kurz weg und motivierte mich mit dem Gedanken an’s Frühstück. 6.30 Uhr der erlösende Gong. Stiller Gang in den Essensraum, es gab eine Banane, Haferflocken, Sprossen und Chai. Die Stärkung tat gut. Danach hatten wir 1h Pause. Ich ging in mein Zimmer, welches ich mit 2 anderen Mädels teilte. Wir legten uns alle wieder ins Bett.

Vipassana – kurz erklärt

Ohne jetzt jeden einzelnen Tag ins Detail zu beschreiben: Die ersten Tage sind hart! Zweck der Vipassana-Meditationstechnik ist es, die Welt so zu sehen (und zu erleben), wie sie wirklich ist – und sich damit auf das Hier und Jetzt zu konzentieren und in der Gegenwart zu leben. Goenka, ein lustiger kleiner Mann, welcher die Vipassana-Lehre aus den buddhistischen Mönchsklostern Myanmars wieder zurück in die Gesellschaft der Gegenwart brachte, nennt dies „The Art of Living“. Dem Vipassana liegen die Lehren Buddhas bzw. der s.g. Dhamma (Dharma) Weg zugrunde. Aber im Kern geht es um Moral und Ethik und ist frei von religiösen Exklusivitätsansprüchen. Genau das ist es, was auch viele Menschen aus der ‚westlichen‘ Welt an Vipassana interessiert. Es sind allgemeingültige Grundsätze:

  • Menschsein heißt Emotionen fühlen
  • schlechte oder gute Gefühle erzeugen Aversion oder Verlangen und entsprechende Reaktion
  • Emotionen lenken quasi die Handlung des Menschen, z.B. Jemand tut mir ein Unrecht oder verletzt meine Gefühle. Ich fühle Schmerz. Strebe nach Rache. Verletze diesen Menschen ebenfalls. – Aber bin ich dann glücklicher?
  • Was du nicht willst, das man dir tut, das tu auch keinem anderen an.
  • D.h. wenn ich jemand anderem schade, dann schade ich nicht nur diesem, sondern auch mir selbst (negative Gefühle usw.)
  • Die Re-Aktion auf Emotionen hin erzeugen also Unglück (Und dies bildet eine Kette).
  • Was in der Vergangenheit geschehen ist, ist geschehen. Was in der Zukunft passieren wird, kann ich nicht absolut bestimmen.
  • Aber: Ich lebe jetzt. In der Gegenwart. Und jetzt kann ich mein Handeln bestimmen.
  • u.v.m.

Man soll im Vipassana also die Welt akzeptieren, so wie sie ist. Mit allem Negativen. Mit allem Positiven. Man soll dies lediglich beobachten. Nicht darauf reagieren. Diese Grundsätze erlebt man als Schüler der Vipassana-Meditation während des 10-Tage-Kurses schließlich am eigenen Leib. Das Ganze ist ein Erfahrungsprozess. Täglich meditieren wir also 10 Stunden. Durch das Gebot der Stille ist jeder für sich isoliert. Die ersten Tage spuken mir ständig die unterschiedlichsten, teilweise auch recht absurde Gedanken durch den Kopf. Doch die Konzentration auf den Atem hilft allmählich mich zu konzentrieren, zur Ruhe zu kommen und den Fokus zu finden. Erste kleine Erfolge stellen sich ein: Ich kann zunehmends länger still sitzen ohne die Position zu wechseln und nicke nicht mehr bei der frühmorgentlichen Meditation weg. Am 4. Tag lernen wir die eigentliche Vipassana-Technik kennen: Man sitzt still (idealerweise ohne sich 1h lang zu bewegen!) und beobachtet systematisch den eigenen Körper und seine ‚Sensations‘ (Empfindungen). Natürlich, mir tut der Rücken hier weh, mich kabbelt’s auf einmal auf dem Kopf, mein Fuß schläft ein.

Da war es nur noch einer…

Nach der Sitzung signalisiert mir Markus per Handzeichen, dass er auffhören wird. Wir hatten uns vor dem Kurs abgesprochen, dass, wenn einer aufhört, der andere ruhig weitermachen soll. Soweit wie eben jeder möchte. Trotzdem machte ich mir den Tag darauf (der 5.) meine Gedanken, als ich sah, dass Markus‘ Meditationskissen leer blieb: „Hoffentlich wartet er jetzt nicht in Dehradun auf mich. Eigentlich haben wir doch gar keine Zeit für 10 Tage ‚Nichtstun‘. Das Ganze ist doch Schwachsinn. Eigentlich habe ich mir schon oft genug bewiesen, wie leidensfähig ich bin. Auf der anderen Seite, will ich schon wissen, worauf das alles hinaus läuft. Und meine Mitsteiter würd ich ja auch ganz gerne kennen lernen. Hm, das Essen ist ja auch gut. Und es ist kostenlos.“ Solche und ähnliche Gedanken also. Ich wollte noch den nächsten, den 6. Tag abwarten, um Markus wenigstens einen vollen Tag für sich zu geben. Beim allabendlichen ‚Diskurs‘ (eine Art Vortag von Goenka wird auf Video abgespielt und er erklärt die Hintergünde der Technik und die Philosophie, gibt Beispiele usw.) sprach dann Goenka seinen Spruch: „The 6th day is over. You have now 4 days left.“ Da dachte ich mir: „Mensch, über die Hälfte geschafft! Jetzt kannste’s auch noch durchziehen!“

Den ganzen Tag lang meditieren?!?!

Wie gesagt – es ist ein Prozess. Irgendwann versteht man: Der Schmerz kommt – der Schmerz geht. Aber ich kann eine Stunde lang in ein und derselben Position sitzen bleiben! Die Meditationserlebnisse wurden für mich immer besser. Ich fühlte mich frisch, war 4.30 morgens fit, und überhaupt kam ganz gut mit mir und meinen Gedanken in der Kommunikationsisolation klar. In der etwas längeren Mittagspause nahm ich mir immer irgendwas vor: kleiner Spaziergang, Wäsche waschen, Hose flicken, Fußpflege, Nickerchen. So machten wir es alle. Es war schon ein recht bizarrer Anblick, wie jede Teilnehmerin so ihren Dingen nachging. Und man beginnt sich und seine Tätigkeiten und seine Umwelt genau zu beobachten. Ich schaue mir jeden Baum auf dem Gelände an. Die unterschiedlichen Blattformen. Die Blumen. Beim Mittagessen beobachte ich mit Entzücken ein Eichhörnchen draußen am Geländer. Und ich esse meine Banane langsam, mit dem Löffel, um jeden Bissen wirklich bewusst zu schmecken. Ich sehe, wie andere Mädels bedächtig im Gras sitzen und die Gashüpfer beobachten. Und mache es selbst genauso.

Mein Fazit

Am 10. Tag 10.00 Uhr war das Redeverbot aufgehoben. Der Damm war gebrochen und wir fingen an, zunächst etwas zaghaft, dann heftiger, uns über unsere Erfahrungen auszutauschen. Jede hat auf ihre Art dasselbe am eigenen Körper erlebt: Es gab Tiefen, aber auch Höhen, der Erfolg, die 10 Tage durchgestanden zu haben, neue Kraft und Inspiration.

Wer also schon immer mal ‚Urlaub‘ mit sich selbst machen wollte – ohne Ablenkungen – dem kann ich solch eine Vipassana-Erfahrung empfehlen. Irgendwie sehe ich die Dinge jetzt ein bisschen anders und habe mir vorgenommen, mir mehr die Gegenwart anzuschauen und mich daran zu erfreuen (anstatt z.B. ständig für die Zukunft zu planen oder mich über etwas zu ärgern). Die ersten Tage ‚in Feiheit‘ waren zumindest sehr gut für mich. Man sollte allerdings die Meditation regelmäßig praktizieren. Die eigentliche Herausforderung (im Nachhinein) ist also nicht dieser 10-Tages-Kurs, sondern das Vipassana in seinen Alltag zu integrieren.

Ich hoffe, dieser Einblick in meine Erfahrungen konnte den einen oder anderen Interessenten in der einen oder anderen Weise ein bisschen helfen, sich für (oder gegen?) einen Kurs zu entscheiden. Wer noch mehr wissen möchte, kann mich gern kontaktieren.

Hier noch ein paar Einblicke des Dehradun Vipassana Zentrums


5 comments
  1. Holger said:

    Hallo Anja, hallo Markus,
    nachdem ich den Bericht von Markus verinnerlicht habe, habe ich Deinen Bericht mit diesem Hintergrund mit Interesse gelesen. Erst mal Gratulation für Dich persönlich so viel Erkenntnis gefunden zu haben. Von zu Hause hier scheint mir sicher alles sehr abstrakt zu sein, was da passiert. Die Frage ist nur : Wie könnte man im Alltag die Gegenwart ( nur ? ) aufnehmen ohne das Vergangene zu reflektieren bzw. sich auseinander zu setzen und das Künftige zu planen ? Sicher lohnt es sich nicht über Dinge Energie zu verschwenden die wirklich nicht zu beeinflussen sind. Das Individuum sollte sich tätig weiterentwickeln und zumindest versuchen planvoll die Zukunft zu beeinflussen. Aber ich glaube, ich bin am Thema vorbei – sollte mich nochmals genauer im Netz oder bei Dir (Euch) informieren – jedoch alles hochinteressant !

    In diesem Sinne euch weitere tolle Eindrücke in Nepal wünschen

    Holger & Cella

  2. kevinfleischer said:

    Hi Anja,

    wenn man die Vergangenheit vergangen sein läßt und der Zukunft weniger Beachtung schenkt, ist man da nicht auf dem Weg zu einer stoischen Lethargie? (Da fällt mir auf, die Stoiker und Vipassana haben vielleicht große Überschneidungen)
    Hat jemand der die Vipassane Methode verfolgt ein Interesse an Veränderung oder Verbesserung der Lebensumstände für sich, seine Mitmenschene oder gar seine Nachkommen? Oder hat das keine allzugroße Bedeutung? Ist es eine Form von „spirituellem Egoismus?“

    Finde das alles recht interessant auch wenn ich nicht recht weiß was davon zu halten ist. 😉

  3. Manu said:

    Liebe Anja, lieber Markus,

    ich fand Eure beiden Berichte sehr spannend. Ich habt in meinen Augen beide Erfahrungen gemacht, die Ihr sonst auf Eurer Reise wahrscheinlich nicht gemacht hättet, auf einer Ebene, die wir in unserem gesellschaftlichen Kontext glaube ich leider nur berühren können, wenn wir uns erstmal dabei helfen lassen oder schwere Schicksalschläge erleiden, um dann so auf diesen Weg gebracht zu werden. Und ich finde es sehr schön, dass IHr den ersten WEg gewählt habt :-), dass Ihr den Mut hattet, die Normalität so einer Reise (LEbensreise) zu verlassen und in Eure Stille zu gehen.

    Ich habe schon mehrere Male Meditationskurse gemacht, aber keiner war länger als 6 Tage. Ich bin jedesmal gestärkt und mit neuem Mut weggefahren. Das nicht Kommunizieren mit anderen habe ich als seh r entspannend und heilsam empfunden. Kein smalltalk notwendig im Waschraum und beim Essen. Juhu. Ich muss hier weder höflich sein, noch die anderen kennen lernen, sondern darf mich nur mit mir beschäftigen. Befreiend! Ich hatte bis dahin keine Ahnung, dass ich sowas gut finden würde. Schon alleine das hat mich zum Nachdenken über mein Leben angeregt. Interessanter WEise hatte ich die Menschen dann trotzdem meist kennengelernt. Im Schweigen.
    „Hüte die Stille, dann trägt die Stille dich“ hat meine Lehrerin gesagt, so empfand ich es auch. Ohne diese Anweisung der Stille, hätte ich mich meinem Muster folgend mit den anderen beschäftigt, um mich bloß nicht mit mir auseinanderzusetzen. Ich denke einfach, dass dieses in der inneren Ruhe zu sein ohne zu Dneken bei uns einfach sehr vernachlässigt ist und wir uns deshalb vielleicht machmal auch Lösungen vergebn, die unsere Intuition und unser inneres Wissen für uns bereithält.

    Lieber Markus, es gibt viele Arten von Meditation und „bei sich selbst sein“. Für mich gehört auch Sport dazu. Joggen ist meine liebste Meditationszeit im Moment. Auch da kannst Du die gelernten Prinzipien üben und anwenden. Nur dieser Schritt, mein Atem, …Iich konzentriere mich nur darauf und Gedanken beobachte ich und versuche sie nicht weiter zu verfolgen, sondern immer wieder zum Atem zurückzukommen. Ich liebe mittlerweile diese Läufe. Das stille sitzen als Meditationsform habe ich auch als sehr streng empfunden, mir liegt eine bewegte Meditation mehr. Oder auch das Besinnen auf das Beobachten, wie es Anja beschrieben hat. ABER: ich vergesse es total schnell wieder und muss mich kraft meines Willens immer wieder daran erinnern, dass es neben dem Denken, eben auch die WAhrnehmung gibt. Es geht nur darum , dass wir einfach viel zu viel denken, eigentlich permanent und weit über das notwendige Maß hinaus, um unser Leben zu organisieren, und dass uns dieses viele Denken davon abhält den Augenblick in seiner Schönheit wahrzunehmen. Lieber bewerten wir. Und das nicht mehr so oft zu tun, das macht mein Leben leichter, hab ich festgestellt. Vor allem auch angstfreier.

    WEnn Du Dir jeden Tag Zeit nimmst, nur 10 min still zu sitzen, wie du es dort gelernt hast, gehe ich jede Wette ein, dass Du das als freudvoll und hilfreich empfindest und es ist bei weitem mehr als die Gedanken NIE mal anzuhalten. Täglich ein wenig Zeit in der STille ist eine Menge wert und trotzdem so schwer durchzuhalten.

    Ich wünsche EUch sehr, dass Ihr es schafft, dafür Zeit zu reservieren auf Eurer weiteren Reise. Und Reise meine ich ganz im übertragenen SInne.

    LIebe Grüße von Manu

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