Tana Toraja – Land der Könige auf Sulawesi / Indonesien

Reisfelder auf Sulawesi

Reis Reis Reis

Angekommen in Tentena (in Zentral-Sulawesi) stand für uns nun die Frage, ob wir unsere Tour weiter gen Norden oder Süden fortsetzen sollten. Wir wollten auf jeden Fall die Togean Inseln (im Norden besuchen) und dann weiter gen Manado ziehen. Beide Ort – ob unserer frisch erworbenen Taucherlizenz – wären eine ideale Möglichkeit noch ein bisschen die Unterwasserwelt zu erkunden. Von vielen Mitreisenden wurde uns jedoch die Gegend um Tana Toraja (im Süden) wärmstens ans Herz gelegt. Auch unser Lonely Planet beschrieb diesen Ort als Touristen-Highlight Sulawesi’s schlechthin. Wir sahen uns also mit einer 12-14 stündigen Busfahrt durch das bergige Hinterland konfrontiert. Glücklicherweise, lernten wir einen Privatfahrer kennen, der gerade mit Touristen auf dem Weg in den Norden war, und 2 Tage später wieder leer nach Makassar (ganz im Süden) zurückkehren würde. Nach etwas „zähen“ Verhandlungen haben wir uns dann auf einen Preis geeinigt, der nur knapp über dem Preis für den öffentlichen Bus lag. Zur Belohnung gab’s quasi einen Privatwagen mit Chauffeur, Klimaanlage, Toilettenstops ganz nach unseren Bedürfnissen und eine Verkürzung der Fahrtzeit auf schlappe 9 Stunden.

Aussichtspunkt über Rantepao

Gruppenbild mit unseres ‚Guides‘ und indonesischer Flagge auf einem Aussichtspunkt über Rantepao

Gastfreundschaft und Privat-Guides

In Rantepao, der inoffiziellen Hauptstadt der Region Tana Toraja, bezogen wir ein schickes Zimmer mit kleinem Balkon, Bergblick und Wlan (!) im Hotel Pison. Nachdem wir dem Besitzer versichert hatten, dass wir wohl ein paar Tage länger bleiben würden, gab’s auch noch einen Spezialpreis für uns. Auf unserem ersten Orientierungsspaziergang Richtung Ortsmitte begegneten wir einer Gruppe Studenten bei ihrem „English-Club“ auf dem Uni-Campus. Spontan fragten Sie uns, ob wir Lust hätten in ihrer Runde teilzunehmen, um uns mit ihnen zu unterhalten. Da wir uns bisher in Sulawesi nur sehr spärlich mit Englisch verständigen konnten, mussten wir solche Englisch-Lernambitionen natürlich unterstützen! Anfangs etwas scheu entwickelte sich dann aber doch schnell ein Gespräch. Auf die Frage unsererseits, was man denn in Rantepao und Umgebung so alles machen kann, meldeten sich eine Vielzahl von freiwilligen „Guides“ für uns. Einige wollten uns spontan ihr Dorf zeigen, andere in den Bergen mit uns wandern gehen oder uns ihren Familien vorstellen. Nach knapp 2 Stunden verabschiedeten wir uns mit einem Sack voll Telefonnummern und Verabredungen für die kommenden Tage.

Markttag in Rantepao

Markt in Rantepao – die Büffel-Show beginnt

Markttag in Rantepao: Büffel, Schweine und Kaffee

Der nächste Tag war voller Aktivitäten. Es war großer Markttag, auf dem vor allem die imposanten Büffel, der ganze Stolt der Torajas, sowie allerhand anderes Lebendvieh den Besitzer wechseln. Der Markt war riesig, quirlig und voller Gerüche (insbesondere in der Schweinemarktsektion)…so wie es sich für einen Viehmarkt gehört. Unsere ‚Guides‘ erklärten uns geduldig die Bedeutung der Büffel in ihrer Kultur. Sie sind keinesfalls Arbeitstiere, sondern reine Statussymbole für jede Familie. Zu den großen mehrtägigen Zeremonien wie Hochzeit und v.a. Beerdigungen werden eine ganze Reihe Büffel (und außerdem unzählige Schweine) geopfert. Je mehr, desto angesehener die Familie. Entsprechend hoch sind die Preise für so ein Tier. Die teuersten sind die weiß-schwarz-gescheckten und die mit den hellen Augen. Der Kaufpreis kann schon mal die Höhe eines Kleinwagens annehmen. Oftmals verschulden sich die Familien dabei, aber der Druck, den Status zu wahren ist einfach zu hoch.

Die Toraja Beerdingungszeremonien…

Apropos Beerdigung…Es mag makaber anmuten, aber Beerdigungen sind eines der Highlight beim Besuch der Toraja-Region. Es ist das wichtigste Ereignis im Leben der Einheimischen und, wie schon erwähnt, werden dafür Unsummen ausgegeben. Die Zeremonie dauert mehrere Tage und es werden eigens Pavillions und Gästebereiche hierfür aus Bambus gezimmert. Die beeherrschenden Farben in Dekoration und Kleidung ist Schwarz-Rot. Die genaue Abfolge der Festlichkeiten sind von Dorf zu Dorf verschieden. Jedes Dorf besteht mehr oder weniger aus einer riesigen Großfamilie und bildet eine kleine autonome Gesellschaft.

Toraja Beerdigungszeremonie in der Nähe von Rantepao

Toraja Beerdigungszeremonie in der Nähe von Rantepao

Wir haben den Hinweis bekommen, dass am selben Tag eine Beerdigungs-Zeremonie in der Nähe von Rantepao stattfindet und gemeinsam mit unseren neuen local Freunden düsten wir gegen Mittag auf unseren Mopeds hoch. Unzählige Menschen saßen hier unter Baldachinen zusammen, tranken, aßen, rauchten. Dazwischen Kinder mit Eis-am-Stiel und bunten Luftballons. Jahrmarktflair irgendwie. in der Mitte war ein großer freier Platz. Eine Männerrunde tanzte und sang hier traditionelle Weisen. Davor stand ein besonders detailliert verzierter Pavillion mit dem Bildnis des Verstorbenen. Darauf stand der ebenfalls reich verzierte Sarg. Daneben saß die Witwe. Ringsum waren Büffel- und Schweineköpfe stille Zeugen der bereits vollzogenen Opferungen. Ständig liefen Menschen umher. Die einen brachten an Bambusstangen festgebundene lebende Schweine, die anderen kamen mit Tüten voll frisch geschlachteten Fleisch. Ab und an waren markerschütternde Schweineschreie zu hören… Nichts für schwache Nerven. Wir bekamen eine kleine Gästesektion von den Gastgebern zugeteilt, wo wir sehr freundlich mit Speis (Kekse, Kuchen, Reis, Gemüse, Eier, Fleischspieße) und Trank (Tee, Kaffee, Palmwein) bewirtet wurden.

In Toraja ist es eine Ehre auch Touristen bei einer Beerdigung begrüßen zu können. Die Torajas sind sehr stolz auf ihre Kultur und möchsten diese gern den Besuchern nahe bringen. Wer hier ein paar Stunden teilhaben möchte, der sollte sich jedoch, zwecks Verständigung, mit einem Einheimischen hierher begeben. Als Gast sollte man der Familie zudem ein Geschenk überreichen. Gern gesehen sind Palmzucker. Noch besser aber sind eine Stange Zigaretten… (Übrigens: In keinem Land haben wir bislang mehr Raucher gesehen. Rauchen scheint – nur unter Männern – Kulturgut hier zu sein.).

Kunstvolle Holzverzierungen an den traditionellen Häusern

Holzverzierungen der Toraja-Häuser auf Sulawesi

Holzverzierungen der Toraja-Häuser auf Sulawesi

Die auf knapp 1000m N.N. Höhe liegende Toraja-Region bietet sich zudem sehr zum Wandern in den umliegenden Dörfern und Reisfeldern an. Zu Fuß erkundeten wir gemeinsam traditionelle Dörfer, wie z.B. Batutumonga im Norden Rantepaos. Die Toraja-Architektur zeichnet sich durch riesige geschwungene Dächer (tongokan) und zahlreiche geschnitzte und in rot, gelb, weiß bemalte Ornamente an den Hauswänden aus. Die Verzierungen sind meist abstrakt. Viele zeigen Büffel, das Symbol füe Stärke und Wohlstand, sowie Hähne, Zeichen des Süd-Sulawesischen Herrscherhauses.

Gräber Sightseeing

Wie bereits angedeutet haben Beerdigungen bzw. die Totenkultur einen besonderen Stellenwert bei den Torajas. So verwundert es auch nicht, das die Gräber zu den Touristenattraktionen zählen. Traditionell werden die Verstorbenen in Höhlengräbern beerdigt. Hierzu werden (auch heute noch!) in Handarbeit Grabkammern in riesige Felsblöcke gehauen. Bei besonders wohlhabenden Familien (es müssen mindestens 70 oder so Büffel bei der Beerdigung geopfert werden), werden vor die Grabkammern holzgeschnitzte Figuren (tau tau) gestellt. Diese würden den Verstorbenen wohl verblüffend ähnlich sehen. Leider fielen viele dieser Figuren gierigen Grabräubern zum Opfer. Irgendwie gruselig…

Höhlengräber der Toraja

Höhlengräber der Toraja

Die moderne (und etwas preisgüntigere) Form des Begräbnisses stellt eine Art gemauertes Mausoleum aus Ziegeln und Fließen dar. Im übrigen ist die Mehrheit der Torajas vor etwa 100 Jahren durch die niederländischen Kolonialherren christianisiert worden. Allerding behielten sie vieles von ihrem animistischen Glauben bei und so entstand eine eigene Toraja-Kirche.

Vor 400 Jahren, bevor sich die Höhlengrabkammern etablierten, wurden die reich verzierten Särge als so genannte hängende Gräber direkt an den Felsen oder in großen Höhlen beigesetzt. Nach einiger Zeit verotteten die Tragevorrichtungen und Särge aus Holz, stürzten in die Tiefe und nichts als Knochen und Gebein blieben übrig. Bis heute. Besonders beeindruckende Beispiele dieser Begräbnisart fanden wir v.a. im Süden von Rantepao, in Kete Kesu, Palatokke und Tampangallo.

Einer unserer letzten Ausflüge mit unseren Toraja-Freunden führte uns nach Sangalla zu einem alten dicken Baum, an dem mehrere Türchen aus Holz und Palmfasern angebracht worden waren. Dies war eine Begräbnisstätte für verstorbene Säuglinge. Der Ort mutete wirklich mystisch an. Im Glauben der Toraja sind Babys, die das 1. Lebensjahr nicht erreicht haben, heilig und rein. Sie haben noch keine Zähne und können demnach noch kein (sündiges) Wort sprechen. Ihre Seele muss erst noch wachsen. Verstorbene Babys werden in Bäumen beerdigt, damit ihre Seele mit dem Baum in den Himmel wachsen kann. Der Baum stellt die neue Mutter des Säuglings dar, welches in Fötusstellung bestattet wird. Nach einigen Jahren wächst sich die Graböffnung zu, das Türchen fällt ab und zurück bleibt lediglich eine Narbe in der Baumrinde.

Begräbnisbaum bei Sangalla

Der Begräbnisbaum für Babys bei Sangalla

Für Anthropologen und völkerkundlich Interessierte ist Toraja also ein einziges Freilichtmuseum. Doch auch ohne Beerdigungsriten, Totenkult und Büffelblut hat die Gegend einen einmaligen Reiz: saftig grüne Reisfelder, schroffe Kalksteinfelsen, angenehmes Klima und überaus gastfreundliche Menschen. Nach 8 Tagen beschlossen wir trotzdem, uns von unseren Toraja-Freunden zu verabschieden. Die letzten Tage hatte es immer wieder heftigst geregnet und wir wurden des Gräber-Sightseeings langsam überdrüssig. Außerdem hörten wir den Ruf der weißen Strände und des türkisblauen Wassers auf den Togean Inseln… (Wie es uns dort erging erfahrt ihr in unserem Togean-Video!)

Bergiges Toraja-Land: noch einen Gipfel besteigen

Bergiges Toraja-Land: noch einen Gipfel besteigen

3 comments
  1. Und, wann wird mir der Büffel geliefert? 😉 Hab schon ne Ecke freigeräumt und Heu besorgt…
    Und, viel wichtiger: Hattet ihr ein Beerdigungs-Gastgeschenk dabei?

  2. Holger said:

    Interessant, erinnert etwas an Dorffest oder so. Hat man da so etwas wie Trauer gemerkt – oder war das die Art der Traja – eigenen Trauer ? Beeindruckend !

    Grüsse
    Cella u. Holger

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