Vipassana #2

Vipassana-Zentrum in der Nähe von Taichung

Vipassana-Zentrum in der Nähe von Taichung

Am letzten Juniwochenende haben wir es noch einmal getan. Vipassana Meditationskurs. Dieses Mal hier in Taiwan, in der Nähe von Taichung. Und dieses Mal auch nur der 3-Tages-Auffrischungskurs über’s Wochenende. Hat einfach ganz gut in unsere Reiseroute gepasst. Da unsere beiden Vipassana-Beiträge über unsere positiven (10 Tage – Link hier) und negativen (4,5 Tage – Link hier) Erfahrungen aus Dehradun noch immer der Renner auf unserem Blog laut Statistik sind, sollten wir wohl auch dieses Mal noch einen kleinen Beitrag nachlegen.

Vipassana (s. dazu auch Wikipedia) ist also eine Meditationstechnik, die sich zudem auf die Philosophie des s.g. Dhamma-Weges (auch hier gibt’s auf Wikipedia Weiteres zu lesen) bezieht. Viele Elemente dieser Philosophie sind aus dem Buddhismus entlehnt. Aber eigentlich sind es Moralgrundsätze, jenseit jeder Religions- oder Sektenzugehörigkeit. Man soll durch sein Verhalten niemanden Leid zufügen, denn dadurch gerät man in eine Spirale, die einem wiederum selbst unglücklich macht. Diese Grundsätze werden während eines Vipassana-Kurses als Verhaltensregeln (s. auch den Code of Discipline auf der offiziellen Dhamma-Website) aufgestellt. Sie dienen in erster Linie auch dazu, sich ohne Ablenkungsmöglichkeiten auf sich selbst und die Meditation zu konzentrieren

  1. Kein böses Wort sprechen – Während des gesamten Kurszeitraumes herrscht Schweigepflicht bzw. ein generelles Komunikationsverbot jeglicher Art („Noble Silence“). Handy, Laptop, Bücher, Notizbücher, Stifte, elektronische Geräte usw. … alles sollte zu Beginn abgegeben und weggeschlossen werden.
  2. Nicht töten – Während des Kurses gibt es nur vegetarische Kost (übrigens sehr lecker).
  3. Nicht stehlen – Die Unterkünfte in den Vipassana-Zentren sind innerhalb des Grundstückes von allen zugänglich. Wertsachen werden seperat weggeschlossen.
  4. Kein Alkohol und keine Drogen.
  5. Keine sexuellen Handlungen (gemeint ist eigentlich ‚Ehebruch‘) – Männer und Frauen halten sich auf dem Grundstück in seperaten Bereichen auf.
Ruhe bitte! Gebot der 'Noble Silence' im Vipassana Zentrum in Dehradun / Indien

Ruhe bitte! Gebot der ‚Noble Silence‘ im Vipassana Zentrum in Dehradun / Indien

Meditieren ist gar nicht so einfach. Ganz besonders wenn man – wie wir – seit dem letzten 10-Tage-Meditationskurs bis auf wenige Ausnahmen nicht regelmäßig meditiert hat. Am 3-Tages-Kurs können nur ‚erfahrene‘ Schüler teil nehmen, die bereits einen 10-Tages-Kurs hinter sich gebracht haben. Der (immer gleiche) Kurszeitplan sieht einen strickten Ablauf mit mehreren Meditationseinheiten von jeweils 1 bis 2 Stunden vor. Anfangs schmerzen die Glieder recht schnell und es fällt einem schwer über die gesamte Dauer einer Session still zu sitzen. Hinzu kommt der Wust an Gedanken im Kopf, der das Fokussieren (= Meditieren) erschwert. Die ersten Stunden soll man sich deshalb auf den eigenen Atem konzentrieren. Schon nach kurzer Zeit fällt es einem jedoch leichter still zu sitzen und man nickt bei der morgendlichen Einheit um 4:30 Uhr nicht mehr so schnell weg… 😉 Später erlernt man dann die eigentliche Vipassana-Technik, bei der man gedanklich versucht in seinen ganzen Körper und seine einzelnen Bestandteile hineinzufühlen. Dahinter steht der Gedanke, dass alles – sowohl Leid, wie auch Glück – im Fluss stehen. Es kommt und geht. Nichts ist beständig und der Mensch sollte weder für das eine noch das andere eine zwanghafte Vorliebe oder Vermeidung hegen. [Puh, es ist ganz schön schwer, das hier sinnvoll im Deutschen zu umschreiben…]. Jedenfalls schmerzen die Glieder beim Meditieren auch weiterhin ab und zu, aber dieses Gefühl kommt und geht. Man selbst kommt zur Ruhe. Man erfährt die Dhamma-Philosophie sozusagen in einem Prozess am eigenen Körper.

Vipassana ist eine Technik aus dem asiatischen Raum, expandiert aber mittlerweile weltwelt – selbst in Deutschland gibt es ein Zentrum: im Vogtland! (s. Link hier). Der Ablauf ist immer gleich, ungeachtet kultureller Unterschiede. So wirken manche Regeln für ‚Westler‘ oftmals seltsam an. Zum Beispiel werden die Anweisungen zum Erlernen der Technik von einer Aufnahme von Goenka (das ist der, der Vipassana in unserer heutigen Zeit wiederentdeckt und verbreitet hat) abgespielt. Auf der anderen Seite hilft Meditieren vielen Menschen auch, sich ein Stück weit selbst zu finden. Der Kurs selbst ist natürlich eine Extremsituation und nicht die Regel für das Meditieren von Vipassana! Hier eine kurze Gegenüberstellung des Für und Wider aus unserer Sicht:

Pro

  • Förderung der Konzentrationsfähigkeit – Dies kann in Alltag bzw. Berufsleben sehr von Vorteil sein.
  • Ausgeglichenheit – Man schläft besser und angeblich benötigt man auch weniger Schlaf, wenn man regelmäßig meditiert.
  • Nach Ende eines Kurses hat man eine positive Grundeinstellung. Irgendwie ist man auch stolz auf sich, das geschafft zu haben. Alle anderen Hindernisse im Leben scheinen „überwindbarer“ zu sein.
  • Der Kurs ist kostenlos, basiert auf Spendenbasis.
  • Für uns persönlich ist es außerdem ganz angenehm bei all dem turbulenten Reisealltag einen geregelten Tagesablauf während des Kurszeitraumes zu haben.

Contra

  • Asiatische Wertvorstellungen treffen (bei uns) auf westliche Einstellungen – z.B. Hierarchie zwischen Schülern und Meditationslehrer/in.
  • Die Anweisungen während der Meditationseinheiten kommen fast ausschließlich vom Band mit Goenkas Originalstimme und Übersetzung. Abends gibt es einen Diskurs (Video oder Audio), in dem Vipassana ein bisschen erklärt wird. Dadurch wirkt alles sehr unpersönlich. Zum anwesenden Lehrer herrscht eine große Distanz. Vielleicht ist das aber auch so gewollt.
  • Einer der seltsamsten Momente für uns ist das Hören der Pali-Gesänge (alt-indische Sprache) von Goenka. Diese sollen zur Unterstützung der Meditation dienen. Bei uns rufen sie aber eher Schmunzeln hervor…
  • Der anwesende Lehrer selbst scheint, außer der Bedienung des CD-Players selbst, keine anderen Aufgaben zu haben.
  • Fragen zur Technik können gestellt werden, jedoch findet keine Diskussion zur Philosophie statt.
  • Eine regelmäßige Meditationspraxis in den (Reise-)Alltag einzubauen ist schwierig.

Soweit unsere Ausführungen. Wer ähnliche oder andere Erfahrungen mit Vipassana gemacht hat, der möge doch einen Kommentar hinterlassen. Wir freuen uns über ein bisschen Diskussion. Friede sei mit euch! ;-)))

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2 comments
  1. Habt ihr diesmal beide durchgehalten?

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