[Wdh.] Unterwegs im indischen Himalaya – kleine Bus-Episode

Sitznachbarn. Busfahren in Indien.

Sitznachbarn. Busfahren in Indien.

Nachtrag: Weil’s so schön war…

Im Oktober 2012 verlebten wir ziemlich abenteurliche aber auch kühle Tage im Norden Indiens mitten im Himalaya. Damals haben wir auf dem Blog eine turbulente Busfahrt im Chamba-Tal beschrieben: Von Chamba nach Bharmour. Dort wollten wir zu einer längeren Trekking-Tour über den Kugti-Pass aufbrechen (dazu mehr weiter unten im Text). Viele Leser mochten den Beitrag – und wir auch, deswegen hier noch einmal reloaded – und mit zusätzlichen Tipps zum Thema Trekking im Chamba-Valley!

4-5 Stunden für 61km

Laut Google Maps sind es von Chamba nach Bharmour knapp 61km. Mit dem Auto werden der Routenberechnung zufolge nicht ganz 1,5 Stunden Fahrzeit angegeben. In Wirklichkeit haben wir dafür 4-5 Stunden benötigt!

Unser Bus in Chamba, auf dem Weg nach Bhamour

Unser Bus in Chamba, auf dem Weg nach Bhamour

(Veröffentlicht am 27. Okt. 2012:) Irgendwo im Himachal Pradesh, Nordindien. Irgendwann im Oktober 2012: Unterwegs im Chamba-Valley, einer eher weniger touristischen Gegend im Himachal, dem Himalaja-Staat Indiens. Nach drei Tagen in der ehemaligen britischen Hill Station Dalhousie (vollgepackt mit indischen Touristen aus dem Punjab) windet sich unser kleiner Linienbus bis ins scheinbar hinterste Eck des Tals, mit Ziel Bhamour, die alte Hauptstadt des Chamba-Königeichs.

Einsteigen bitte! – Chamba im Chamba-Tal

Zwei Stunden dauerte bereits der steile Serpentinenabstieg vom 2000m hoch gelegenen Dalhousie nach Chamba auf 1000m Höhe. Umsteigen. Es ist gerade Wahlkampf im Himachal. Die Straßen in Chamba sind nicht nur voller Fahnen, Flaggen und Aufkleber der Parteien, sondern auch voller Menschen, die an Kundgebungen teilnehmen. Chaos im sonst eher beschaulichen Gebirgsland. Wir suchen unseren Bus nach Bhamour. Die besten Plätzen sind schon von den Taschen und Gepäckstücken der Einheimischen belegt. Unter den hintersten Sitzreihen liegen drei Ziegen. Uns fielen zwei Plätze in der allerletzten Reihe zu. Hier hinten gibt es stehts den meisten ‚Spaß‘, da sich alle Schlaglöcher der Straße im Hinterteil des Busses aufsummieren…

Allgemeine Betriebsamkeit vor der Abfahrt: Ständig wurschteln sich Straßenverkäufer von Eis-am-Stiel, Kokosnuss, Erdnüssen und sonstigen Knabbereien durch den Bus. Passagiere steigen ein, und wieder aus. Pakete und Säcke gesellen sich unter die Sitze zu den Ziegen, werden auf im Gang und auf das Busdach verstaut. Der Busfahrer startet den Motor,  fährt langsam an. Geschwind steigen noch einmal 30 Inder hinzu. Die Überbevölkerung Indiens: man spürt sie überall.

Stadtzentrum in Chamba

Stadtzentrum in Chamba

Mit unseren 11kg Backpacker-Rucksäcken auf den Beinen und den Ziegen unter unseren Sitzen hüpfen wir um 13.00 Uhr los. Die Route führt entlang einer steil abfallenden Schlucht. Unten tost der Ravi-Fluss. Ich kann kaum aus den Fenstern sehen, nicht nur, weil die Köpfe der Mitreisenden mir die Sicht versperren, sondern auch, weil ich den Rand der Straße nicht mehr erkennen kann. Habe ich schon erwähnt, dass wir entlang einer steilen Schlucht fahren? Leitplanken gibt es nicht. Vorsorglich nehme ich schonmal eine Tablette gegen Reiseübelkeit ein. Unser Ziel, Bhamour, liegt auf über 2000m Höhe und die Fahrt sollte (angeblich) 2-3 Stunden dauern.

Eine ganz normale Fahrt in Indiens Norden

Sie dauert zunächst sagenhafte 15 Minuten, dann halten wir – noch innerhalb der Ortschaft – am Straßenrand und die meisten Passagiere stürmen plötzlich aus dem Bus. Wir schauen uns verdutzt an. Dann merken wir, wie unser Gefährt auf einer Seite irgendwie angehoben wird. Reifenwechsel! Zwanzig Minuten später: Mit überraschend gut profiltem Ersatzrad am Fahrwerk und frisch geflickten altem Reifen auf dem Dach geht es weiter – 30 Minuten bis in’s nächste Dorf. Dann halten wir erneut. Es war bereits 14.00 Uhr durch! Höchste Zeit für die Mittagspause! Alle Passagiere falten sich abermals aus den Sitzen und verteilen sich in die drei kleinen Straßenimbisse am Wegesrand, welche faszinierend effizient die Mittagshorde abfertigen.

Tee-und-Snack-Stopp am Straßenrand

Tee-und-Snack-Stopp am Straßenrand

Eine halbe Stunde später geht es weiter. Unser Bus folgt dem Lauf des Flusses. Türkis-Blau entspringt er irgendwo in den umliegenden Himalaja-Bergab und wird von unzähligen Zuflüssen gespeist, die sich als Wasserfälle von den steilen Abhängen ergießen. Das Panorama ist atemberaubend. Immer weiter fährt unser Bus auf enger Straße in die Schlucht hinein, rechts die Felswand, links der Abhang. Die Straße verläuft teils auf befestigtem Asphalt, teils als staubige Schotterpiste, vorbei an breiten Straßenbaumaschinen und gelegentlichen Gegenverkehr. Oftmals ist es so eng, dass wir von unseren Sitzplätzen (immer noch in der hintersten Reihe) aus den Rand der Straße gar nicht mehr sehen können. Wir blicken direkt in den steilen Abgrund hinunter bis zum reißenden Fluss. Ein einziger langer Achterbahn-Trip. Wir vertrauen auf den Busfahrer: „Der wird diese Strecke bestimmt schon mehrmals gefahren sein.“, hoffen wir. Unser Vertrauen hat auch der Mechaniker, der das Ersatzrad kurz vorher so fachmännisch montiert hat.

Das Land wird karger, wir erreichen langsam die Baumgrenze. Lang kann es doch nicht mehr dauern. Es ist 15.30 Uhr. STOP! Tea break! Teepause. Wir halten in einem Dorf, dass sich tapfer an die Schlucht krallt. Alles raus. Zwei Chai, bitte! – Nur die Ruhe! Der muss erst einmal gekocht werden. Die Ziegen werden langsam unruhig und beginnen zu meckern. Ihre Hinterlassenschaften verwandeln unser Gefährt in einen Ziegenstall. Da der Bus schräg abgestellt wurde, läuft alle Flüssigkeit auf den Boden in die hinterste rechte Ecke. Hatte ich schon erwähnt, dass ich meinen Rucksack in der Zwischenzeit genau da abgestellt hatte?

Aussicht im Chamba-Valley

Aussicht im Chamba-Valley

Sind wir bald da?

Die Fahrt geht weiter im Ziegenstall-Bus. Immer mehr Fahrgäste steigen mitten auf der Stecke aus. Weit und breit entdecke ich keine Häuser. Mein Rucksack liegt mittlerweile auf einen freien Sitz, in der Hoffnung auf den restlichen Kilometern trotz Ziegen-Maleur etwas trocknen zu können.

Endlich, Bharmour! Wir steigen aus. Der Gurt meines Rucksacks ist noch klamm. Ein dezenter Ziegengeruch haftet an uns. Doch im Licht des Sonnenuntergangs, haben wir eine spektakuläre Sicht auf die schneebedeckten Himalaja-Gipfel. Wir übernachten im „84 Hotel“ in Bharmour. Als wir ankommen ist es dunkel – Stromausfall. Und es ist kalt, eine Heizung gibt es nicht. Aber morgen werden wir dafür bestimmt einen ganz ganz tollen Blick von der Terrasse aus ins Tal haben. Und wir sind um ein echtes Abenteuer reicher auf unserem Indien-Trip.

Es sollten übrigens noch etliche weitere Abenteuer folgen. Als nächstes stand die Kugti-Pass-Überquerung und eine 5-Tages Wanderung nach Keylong auf den Plan…

Tipp: Trekking im Chamba-Valley

Bhamour ist das Ende des Chamba-Tals. Von hier aus geht es nur noch per Jeep und zu Fuß weiter. Das Dorf ist Ausgangspunkt für einige reizvolle Mehrtagestouren:

  • gen Süden über den Indrahar.Pass Richtung Dharamsala
  • gen Norden über den Triloknath-Pass in das Lahaul-Tal
  • gen Osten über den Kugti-Pass nach Keylong, ebenfalls im Lahaul-Tal

Die Treks verlaufen entlang uralter Pfade der Schafhirten, die ihre Herden im Sommer ins Gebirge zum Grasen führen. Siedlungen gibt es in den höheren Regionen ab etwa 3000m Höhe nicht mehr. Man ist auf Zelt und Schlafsack angewiesen.

In Bhamour gibt es eine handvoll lokaler Trekking-Agenturen sowie Unterkünfte. Bei diesen man nach Guides und Ausrüstung fragen. Außerdem kann man sich im Ort noch mit den letzten warmen Klamotten und Snacks eindecken. Aber auch sonst ist Bhamour ein beschauliches Örtchen mit sehr sehr alten Tempelanlagen, die manch einen schon an Nepal denken lassen könnten.

Die Trekking-Saison ist kurz. Richtet euch darauf ein, dass es schon im September kühler werden kann. Im späten Oktober kann im Gebirge der erste Schnee fallen und eine Pass-Überquerung schwierig machen. Wir sprechen da aus Erfahrung…

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